berger_senta_theatervorhang_600kb„Acht Jahreszeiten“ – vier von Antonio Vivaldi (1678 – 1741), vier von Astor Piazzolla (1921 – 1992). Größer könnte der Unterschied zwischen zwei Kompositionen kaum sein: zum einen das barocke Violinkonzert, zum anderen moderner argentinischer Tango. Und doch bilden die Werke eine überzeugende Einheit, welche im Rahmen dieser lyrischen Reise durch zwei Länder und zwei Epochen von der bekannten Schauspielerin Senta Berger präsentiert wird: Begleitend zu dem jeweiligen Werk rezitiert sie in der jeweiligen Originalsprache Vivaldis selbst verfasste, erklärende Sonette und ausgewählte Tango-Gedichten, welche das Leben und Lieben in Argentinien beschreiben.

Antonio VIVALDI (1678 – 1741) – „Le Quattro Stagioni“

Hoch gelobt als „stimato compositore de concerti“ und „eccelentissimo sonatore de violino“, stand Antonio Vivaldis Rang als Barock-Komponist und Geiger in ganz Europa außer Frage. Neben 50 Opern und einem riesigen Repertoire an Kirchen- und Kammermusik schrieb er ungefähr 600 Konzerte, von denen etwa 450 erhalten sind.

Über Entstehungszeit und -anlass der Jahreszeitenkonzerte etwa ist nichts bekannt. Fest steht lediglich, dass sie zusammen mit acht anderen Konzerten um 1725 als Vivaldis   op. 8 in Amsterdam erstmals gedruckt erschienen, doch komponiert wurden sie wohl schon längere Zeit vorher. Denn im Widmungstext an den Grafen Venzeslav von Morzin, dem Vivaldi als „Maestro di Musica“ in Italien diente (ein Dienstverhältnis, über das man im übrigen bislang nichts genaueres weiß), erwähnt der Komponist, dass die Jahreszeitenkonzerte schon „seit so langer Zeit die Nachsicht der edlen Güte Ihrer Hoheit gefunden“ hätten. Zur Drucklegung habe er sich aber vor allem entschlossen, weil die Konzerte „nicht nur um die Sonette mit einer ganz deutlichen Erklärung erweitert“ worden wären, „sondern auch um all jene Dinge, welche darin ausgedrückt“ seien. „So bin ich sicher“, schrieb Vivaldi weiter, „dass sie, obgleich es die selben Konzerte sind, Ihrer Hoheit wie neu erscheinen werden…“

Wie die Konzerte vor der Publikation aussahen, lässt sich nicht mehr sagen. In der Druckfassung ist jedem Konzert ein „Sonetto dimostrativo“ (erläuterndes Sonett) zugeordnet, das über den Inhalt informiert. Ob die Sonette bereits als Vorlage für die Komposition dienten oder ob sie erst nachträglich für die Druckveröffentlichung geschrieben wurden, ist genauso wenig bekannt wie ihr Verfasser. Höchstwahrscheinlich aber hat Vivaldi die locker gefügten Gedichte selbst geschrieben – für seine Autorenschaft spricht jedenfalls, dass im Widmungstext kein Dichter genannt wird.

Astor PIAZOLLA – „Las Cuatro Estaciones“

Eine Zeit lang konnte sich Astor Piazzolla (1921–1992) in Buenos Aires nicht auf die Straße wagen. Er musste tätliche Angriffe befürchten, man trachtete ihm nach dem Leben. Die Aggression ging von orthodoxen Tango-Liebhabern und -Musikern aus. Piazzolla war für sie ein Hochverräter, weil er den Tango weiter entwickelte. Er assimilierte Einflüsse aus der Klassik, der argentinischen Folklore, der Neuen Musik und Ingredienzen des Jazz. Stets aber bleibt der Tango spürbar, in pulsierenden Rhythmen, typischen harmonischen Wendungen, abgehackten Staccati, messerscharfen Akzenten und in wehmütigen Soli.

Neben der kleinen Form des Tangostücks probierte sich der Musiker immer wieder an den großen Formen der Musikgeschichte aus. Sein Konzert für Bandoneon, Streicher und Schlagzeug (1979) hat er in barocker Dreisätzigkeit geschrieben. Besonders die Form der barocken Suite, auf die viele der Komponisten des 20. Jahrhunderts in eigener Ausprägung zurückkamen, nahm Piazzolla gerne auf, etwa in Histoire du Tango, einer komponierten Lektion in Tangogeschichte. In „Las Cuatro Estaciones Porteñas“ (1965–1970) spielt Piazzolla im Titel auf die berühmten Konzerte „Le quattro stagioni“ von Vivaldi an. „Porteño“ als Adjektiv ist abgeleitet von der in Argentinien populären Bezeichnung für die Bewohner von Buenos Aires: Die vier Jahreszeiten in der argentinischen Hauptstadt. Im Gegensatz zum Vorbild Vivaldis sind die einzelnen Jahreszeiten bei Piazzolla überaus lapidar gezeichnet. Er verzichtet auf die dreisätzigen Konzerte, die Vivaldi je einer Jahreszeit zuordnet und die damit eine Folge von vier Konzerten ergeben. Bei Piazzollas Jahreszeiten handelt es sich stattdessen um eine Suite aus vier Einzelsätzen. Diese gehorchen zwar in verkleinerten Dimensionen dem Schema schnell-langsam-schnell, das die Satzfolge des barocken Konzerts bestimmt. Aber die Tempowechsel wirken wie zufällig, ähnlich einer Rhapsodie. Zudem versteckt sich hinter den Sätzen das Prinzip der Variation. Das im Titel suggerierte Versprechen wird damit nicht wirklich eingelöst. Eine Respektlosigkeit mit Kalkül: Das ehemalige Gossenkind Tango schafft sich seine eigenen Gesetze und geht übermütig mit Formen und hehren Vorbildern um

Rezitation:  Senta Berger

Musik:          Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim

 

ACHT JAHRESZEITEN