Über das Werk – “Mystik der Gregorianik”

In einer Zeit, die kaum Raum für Besinnung lässt, sind Gregorianische Gesänge  zu einem Phänomen geworden. Die Jahrhunderte alten, ergreifenden mystischen Gesänge und Texte geben dem Zuhörer die Möglichkeit, zur meditativen Ruhe zu kommen.35063-4 CD_Gloria von Thurn und Taxis V4_Cover

In diesem besonderen Projekt werden die Schriften der Heilerin und  Seherin Hildegard von Bingen mit den erhabenen Gesängen der Gregorianik sowie den Gesängen der Hildegard von Bingen – ein Wunderwerk aus Harmonie und Klang – verwoben. Das Konzert lässt den Zuhörer die Mystik der Vergangenheit erleben und vermittelt, wie aktuell deren Aussage und Zauber auch heute noch sind:  Eine tief bewegende, musikalische Zeitreise durch die Jahrhunderte des  Mittelalters, welche zum Spiegelbild des menschlichen Lebens wird.

Die Texte der Hildegard von Bingen fügen sich harmonisch in den Gesamtklang des Chores ein. Mit dem A-cappella-Programm „Mystik der Gregorianik“ schlagen die Interpreten eine Brücke zwischen Damals und Heute.  Das Ergebnis ist ein musikalisch-literarisches Gesamtkunstwerk, von überwältigender Intensität. Die rezitierten Texte verändern den Blickwinkel unseres alltäglichen Denkens und öffnen den archaischen Chorgesang: Neues, Unbekanntes tritt aus dem scheinbar Gewohnten hervor.

Die Anfänge der gregorianischen Chorgesänge liegen im Rom des 7. Jh. und werden Papst Gregor I. zugeschrieben. In den folgenden Jahrhunderten hielten sie Einzug in die Musiktradition des gesamten Karolingischen Reichs. Der Gregorianische Choral wurde so zur „Wiege der abendländischen Kunstmusik“; zu allen Zeiten regte er Komponisten zu Zitaten und Weiterentwicklung in anderen musikalischen Formen an – bis hinein in unsere auch musikalisch ‚technisierte’ Zeit: CD-Alben mit gregorianischen Gesängen schafften es sogar in die internationalen Musik-Charts.   Die Kraft dieser kargen, geistlichen Melodien trifft uns – unabhängig vom Glauben des Einzelnen – in meditativen Tiefen. Sie waren und blieben über alle Zeiten und musikgeschichtlichen Entwicklungen hinweg frei von unnötigem Zierrat und strahlen schon durch ihre gradlinige Melodienführung eine uns heute fast verloren gegangene Ruhe aus.

Ihr literarisches Ebenbild fanden die Chorgesänge der Gregorianik in der Lyrik der Mystiker, zu deren faszinierendsten Persönlichkeiten sicherlich Hildegard von Bingen gehörte – eine Frau, deren spirituelles wie heilkundliches Wissen uns bis heute berührt und bereichert.

Wir konnten für dieses Projekt, in dem sich Spiritualität und Sinnlichkeit miteinander verbinden, Ihre Durchlaucht Fürstin Gloria von Thurn und Taxis als Sprecherin gewinnen – mit ihr bekommt das Sujet eine glaubhafte Interpretin der Texte der Hildgard von Bingen.

Über Hildegard von Bingen

Die zwar nie offiziell heiliggesprochene, aber in den im römischen Kalender als heilig verzeichnete, schon zu Lebzeiten „prominente“ Nonne Hildegard von Bingen (1098-1179)  Seherin, Prophetin, Mystikerin, Naturforscherin, Ärztin, Philosophin, Dichterin und Musikerin ist wohl die interessanteste Frau des Mittelalters. Damals war es üblich, dass das zehnte Kind einer Familie in ein Kloster gegeben wurde, und so brachte man auch Hildegard im Alter von acht Jahren in einem Benediktinerkloster unter.
Mit 15 Jahren trat sie als Ordensschwester dem neu gegründeten Benediktinerinnenkloster bei. 1136 wurde sie selbst zur Äbtissin. Als Äbtissin übte sie bedeutenden Einfluß auf die Gelehrten und Politiker ihrer Zeit aus. 1147 gründete sie ein zweites Kloster – Rupertsberg in der Nähe von Bingen, – dessen geistliche Unabhängigkeit sie festlegen ließ. Dort  starb sie am 17. September 1179 im Alter von 82 Jahren.

Seit frühester Kindheit hatte Hildegard von Bingen Visionen gehabt, aber erst im Alter von 42 Jahren erhielt sie nach eigenen Aussagen von Gott den Auftrag, alles festzuhalten und zu verkünden, was ihr in dieser und in kommenden Visionen geoffenbart wurde. Nach anfänglichen Zögern begann Hildegard dem Mönch Volmar, ihrem Sekretär, die geschauten Visionen zu diktieren. So entstanden im Laufe der Jahre mehrere Bücher, die sich mit den Elementen, Temperamenten, der Säftelehre, Ursprung und Entstehung von Krankheiten, Zeugung und Geburt, Embryologie, Arzneimittel, Pflanzenkunde und allgemeinen Gesundheitshinweisen befaßten.

Ihre „Naturkunde“ (Physica) ist wohl die erste in deutscher Sprache und enthält differenzierte Angaben über Wesen und Wirken von mehr als 500 Pflanzen und Tieren, Edelsteinen und Metallen; „Causae et Curae“ berichtet über „Ursachen und Behandlung von Krankheiten“.  Heute findet der viele Jahrhunderte lang unbeachtete Wissensschatz wieder wachsenden Anklang. Vor allem die ganzheitlich orientierte Heilkunde der Hildegard von Bingen entspricht unserem in den letzten Jahrzehnten wieder gefundenen Bewusstsein, das nicht nur die Symptome, sondern die Wurzeln der Leiden zu behandeln sind. Das  seelische Befinden der Patienten hatte dabei für die Heilerin  eine zentrale Bedeutung.

Lyrik und Weisen der Hildegard von Bingen

Hildegard schrieb siebzig Lieder, Antiphonen und Hymnen, geschaffen aus ihrer Erfahrung der himmlischen Harmonien, als „Posaunenklang vom lebendigen Licht“. „Die ganze Welt ist erfüllt von Klang und jedes Geschöpf hat einen Ton.“ Es ist ein einmaliges musikalisches Werk, das nicht in eine Stilrichtung eingeordnet werden kann. Vor allem in den USA hat ihre Musik viele begeisterte Bewunderer. Bei der ganz eigenen Art, die Hildegards Denken und Wort auszeichnet, finden wir auch in ihrer Musik ein originelles kunstvolles Werk.

In den vergangenen Jahren haben sich immer wieder verschiedene Gruppen qualifizierter Musiker zusammengefunden, um die Lieder Hildegards getreu ihrer Entstehungszeit aufzuführen. Auch wurden ihre Lieder oder Teile davon vereinzelt mit experimentellen, modernen Arrangements versehen, und so eine interessante Synthese zwischen Mittelalter und heutiger Zeit geschaffen.

Der sogenannte „Riesencodex“, früher auch „Codex mit der Kette“ genannt, ist das zentrale Vermächtnis Hildegards von Bingen. Nicht nur der für eine mittelalterliche Handschrift sehr ungewöhnliche enorme Umfang (481 Blätter, 460 x 300 mm, Gewicht ca. 15 kg) haben ihn im Lauf der Jahrhunderte regelrecht zu einer „Reliquie und Ikone ihres Geistes“ werden lassen. Grund dafür ist auch die für das Mittelalter ebenfalls ungewöhnliche, dem Codex zugrunde liegende Idee einer enzyklopädisch geordneten Gesamtausgabe der Schriften Hildegard von Bingen. Sie selbst oder zumindest ihre unmittelbaren Nachfahren müssen die hier zusammengestellten Werke als die Quintessenz ihres Schaffens angesehen haben. Es ist nicht ganz sicher, ob der Codex noch zu ihren Lebzeiten (1098-1179) oder kurz danach entstanden ist. Unbestritten ist hingegen, dass zumindest Teile davon mit ihrem Wissen und ihrer Billigung in Angriff genommen wurden. In einem arbeitsteiligen Prozess entwarfen fünf bis sechs verschiedene Schreiber ihres Klosters Rupertsberg bei Bingen mehrere Teilwerke, die später zu einem „Sammelband“ zusammengeführt wurden.

Gregorianische Gesänge

ruine_ohne_logo_kleinEnde des 6. Jahrhunderts führte Papst Gregor I. eine Reform der römischen Liturgie durch. Vermutlich im Rahmen dieser Reformen begann eine über Hunderte von Jahre fortgesetzte Ordnung, Sammlung und Vereinheitlichung der in der Liturgie verwendeten Melodien und Texte. Die zusammengestellten Lieder wurden als Gregorianische Choräle für die römische Kirche verbindlich und lösten lokale Gesangsstile weitgehend ab. In der Stilistik des gregorianischen Chorals entstanden zahlreiche Neukompositionen zunehmend melismatischer Kompositionen von Messetexten aus dem Ordinarium und dem Proprium Missae, von Antiphonen für den gottesdienstlichen Gebrauch und von Stücken für das Officium.  Die wichtigsten Gattungen der unbegleiteten geistlichen Vokalmusik sind das Lied bzw. der Choral, die Motette und die Messe; eine Sonderform stellen der Gregorianische Choral und andere psalmodische Gesänge dar.

Als Varianten der Chorbesetzung sind dabei Männer-, Frauen- oder gemischte Chöre denkbar, die auch nach der Anzahl der Stimmen differieren. Für Frauenchöre hat sich dabei der dreistimmige Satz als Regel herausgebildet, für den Männer- bzw. gemischten Chor der vierstimmige. Besonders für den gemischten Chor wird vereinzelt auch die Besetzung zweier oder mehrerer sich gegenübergestellter Chorgruppen verlangt, diese „doppel-“ bzw. „mehrchörige“ Art des Musizierens erfreute sich besonders während der Renaissance großer Beliebtheit; ihre eindrucksvollste Ausprägung findet sie in der sogenannten Venezianischen Mehrchörigkeit.

Zur Erweiterung des Klangraumes bzw. zur Vervielfachung der linearen, kontrapunktischen und auch harmonischen Möglichkeiten wurde in der Geschichte der Vokalmusik auch immer wieder mit einer Vermehrung der Stimmenanzahl innerhalb einer Chorgruppe über die Vierstimmigkeit hinaus experimentiert.

Rezitation:   I.D. Gloria Fürstin von Thurn und Taxis   

I.D. von Thurn TaxisIhr Vater, Joachim Graf von Schönburg-Glauchau, war Journalist und arbeitete als Auslandskorrespondent für einen Rundfunksender. Als er das Angebot erhielt, nach Afrika zu gehen, nahm er seine Frau und seine beiden Töchter mit. So wuchs Gloria erst in Togo und später in Somalia auf. 1970 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, die Familie zog nach Meckenheim im Rheinland. Dort besuchte Gloria das Konrad-Adenauer-Gymnasium, anschließend war sie Schülerin im Mädcheninternat Kloster Wald in der Nähe des Bodensees.  1979 traf sie ihren späteren Ehemann, Johannes Baptista de Jesus Maria Louis Miguel Friedrich Bonifazius Lamoral, „Erbprinz“ und später 11. Oberhaupt des Hauses Thurn und Taxis, in München. Am 31. Mai 1980 heiratete Mariae Gloria Gräfin von Schönburg-Glauchau in Regensburg Johannes Prinz von Thurn und Taxis, Sohn des Karl August Prinz von Thurn und Taxis und Maria Anna von Braganza Infantin von Portugal. Sie brachte drei Kinder zur Welt: 1982 erkrankte Prinzessin Glorias Mann schwer und starb nach einer zweiten Herztransplantation am 1990. Kurz vor seinem Tod übertrug er die Generalvollmacht an seine Frau, und sie engagierte kompetente Fachleute, lernte von ihnen und sanierte das Familienunternehmen.

Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis bekennt sich seit 1995 öffentlich zu einem an der Tradition der Kirche und den Weisungen des päpstlichen Lehramts orientierten katholischen Glauben.

Zu bemerken sind auch seitens der Fürstin von Thurn und Taxis die Erfolge vor allem für die Kirche, welche zusammen mit dem Staat z.B. eine Treuekampagne in Afrika gestartet hat und den Menschen wieder den Wert der Familie näher bringen möchten,  auch diese kleinen Präventionsmaßnahmen  schützen in Risikogebieten  gegen Aids.

Am 4. April 2005 bezeichnete sie Papst Johannes Paul II. in der Talkshow Beckmann in der ARD als einen „Vorreiter für die Frauenrechte“. Sie bekräftigte diese Aussage in einem späteren Interview und begründete dies mit der von Johannes Paul II. entwickelten „Theologie des Leibes“.

Seit dem 15. August 2006 (Mariä Himmelfahrt) fungiert Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis als Präfektin der durch sie wiederbelebten Marianischen Frauencongregation „Mariä Verkündigung“ Regensburg. Die Congregation ist eine Gebets- und Wallfahrtsgruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, in Treue zum Papst, die Verehrung der Mutter Gottes, der Sakramente und der würdig gefeierten Heiligen Messe in der Gemeinschaft zu pflegen.

Lebensschutz ist ein weiteres wichtiges Anliegen der Fürstin, daher unterstützt sie die
Stiftung Ja zum Leben. Darüber hinaus engagiert sie sich über die Bayerische Stiftung Hospiz für eine würdige Sterbebegleitung im christlichen Sinn.

Textbeispiel:

Das Leben Hildegards von Bingen war bis zu ihrem Tod, bei dem der Legende nach ein strahlendes Licht am Himmel erschienen sein soll, gekennzeichnet vom Licht in all seinen Farben und Schattierungen. Ja mehr noch: das Licht wurde zum Ausgangspunkt, zum zündenden Funken, zum lebensspendenden Feuer für ihr gesamtes Werk. Die Begegnung mit dem Licht traf wie ein Blitz in ihr bis dahin ganz und gar unscheinbares Leben.

Sie selbst beschreibt es so:

„Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte meine Brust Und plötzlich erschloß sich mir der Sinn der Schriften…“

Und sie vernahm den Auftrag: „Schreibe, was du siehst und hörst!“

Der Einbruch des Lichtes und die damit verbundene Gabe der Schau hat Hildegard von Bingen bis zum heutigen Tag den Namen einer Visionärin und Prophetin verliehen. Wer war diese Frau, die ihre Zeitgenossen gleichermaßen in ihren Bann zog wie die nach Sinn, Ganzheit und Heil suchenden Menschen unserer Tage? Lohnt es sich, ihr Leben und Werk kennenzulernen und sich darin zu vertiefen? Kann der Sprung über 900 Jahre hinweg gelingen, ohne in die Abgründe der Geschichte abzustürzen? Gibt es mehr und andere Vergleichspunkte zwischen der Jahrtausendwende damals und der heute als die allgemeine Glaubens-, Orientierungs- und Haltlosigkeit des Menschen und der steigende Autoritätsverlust der Kirche?

Zunächst: historisch Zuverlässiges wissen wir nur weniges über Hildegard von Bingen. Im Jahre 1098 geboren, entstammte sie dem Geschlecht Bermersheim, einer Familie, die zum fränkischen Hochadel gehörte. Der zeitgenössischen Vita gemäß hatte Hildegard neun Geschwister und wurde – was damals durchaus üblich war – in jugendlichem Alter der Einsiedlerin Jutta von Sponheim, die in einer Klause neben dem Mönchskloster auf dem Disibodenberg lebte, zur Erziehung und Ausbildung übergeben. Schon früh also wurde Hildegard durch den Lebensrhythmus der Benediktiner mit seinem Wechsel von Gebet und Arbeit, Studium und geistlicher Lesung, gemeinschaftlichem Leben und Einsamkeit entscheidend geprägt. Im Jahr 1136 starb Jutta und Hildegard übernahm die geistliche Leitung der kleinen Klostergemeinschaft, die sich im Laufe der Jahre aus der Klause entwickelt hatte.

Bis zu ihrem 41.Lebensjahr vollzog sich Hildegards Leben im schlichten Gleichmaß normalen klösterlichen Alltags. Gleichwohl dürfen wir mit Sicherheit annehmen, dass sie sich in diesen ersten Lebensjahrzehnten eine profunde Bildung und Lehrweisheit angeeignet hat. Obwohl sie sich in ihren späteren Schriften immer wieder als ungelehrte Frau bezeichnete, – eine Tatsache, die sich wohl eher auf das Fehlen einer formalen Ausbildung in den klassischen Disziplinen der Dialektik, Rhetorik und Grammatik bezog – , besaß Hildegard umfangreiche biblische, theologische und philosophische Kenntnisse. Vor allem der Reichtum der biblischen Schriften, der sich ihr vor allem durch die Liturgie erschloss, und der Benediktusregel, ebenso aber die Lektüre der Kirchen- und Mönchsväter waren für sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und bildeten die Grundlage für ihr gesamtes Werk. Wissen und Weisheit, natürliches Erkenntnisvermögen und inspirierte Gelehrtheit schmolzen bei ihr zu einer untrennbaren Einheit zusammen.

Drei große theologische Werke hat Hildegard von Bingen verfasst – nicht aus Freude am Schreiben, wie sie wieder und wieder betont, sondern aus der Verpflichtung heraus, das zu verkünden, was ihr die Erkenntnis der Schau vermittelt hat. Wie groß die Mühe, die sie das Schreiben kostete, und wie stark die inneren Widerstände waren, die sie zu überwinden hatte, schildert Hildegard im Vorwort zu ihrem ersten Hauptwerk „Scivias“ (Wisse die Wege):

„Erst als Gottes Geißel mich auf das Krankenlager warf, … legte ich endlich Hand ans Schreiben…“

Was dann in den nächsten Jahrzehnten in mühevoller Arbeit entstand, war eines der imponierendsten Weltpanoramen des Mittelalters – übrigens nicht selten als Vorwegnahme oder auch. Grundlage von Dantes „Divina Commedia“ bezeichnet.

„Schon als ich im Schoß meiner Mutter heranwuchs, vom Hauch Gottes lebendig gemacht, hat er mir dieses Schauen eingeprägt… Als ich drei Jahre alt war, schaute ich ein so helles Licht, dass ich innerlich erzitterte. Weil ich aber noch so ein kleines Kind war, konnte ich nicht darüber sprechen. Bis zum fünfzehnten Lebensjahr schaute ich vieles, und manchmal erzählte ich es einfach. Aber jene, die es hörten, wunderten sich sehr darüber, woher ich das alles wisse und woher es komme. Nun wunderte ich mich selbst darüber, dass offenbar nur ich diese Schau hatte. Daraufhin schwieg ich über das, was ich schaute, so gut ich konnte.“

Über das Werden des Menschen:

„Der Mensch hat Willen, Überlegung, Macht und Einverständniss. Zuerst kommt der Wille, denn jeder Mensch hat einen Willen Dies oder Jenes zu thun. Dann folgt die Ueberlegung, ob etwas passend oder unpassend, lauter oder unlauter sei. Die Macht ist das Dritte, sie setzt eine Handlung durch; das Einverständnis schliesst sich an, da ohne dieses ein Werk nicht vollendet werden kann. Diese vier Kräfte sind bei der Entstehung des Menschen thätig. Die vier Elemente rufen viererlei Säfte im Menschen hervor, wenn sie in stürmischer Fülle nahen: das Feuer, das Trockne, entflammt den Willen, die Luft, das Feuchte, erregt die Ueberlegung, das Wasser, das Schäumige, lässt die Macht aufwogen, die Erde, das Milde, lässt das Einverständnis hervorsprudeln.“ ( Hildegard von Bingen)

 

MYSTIK DER GREGORIANIK