IrisBerben_MartinStadtfeld

 

„Ich möchte leben. Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und
lieben und hassen / und möchte den Himmel mit Händen fassen / und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein!, Nein.“

 

 

 

Selma Meerbaum-Eisinger starb 1942 mit 18 Jahren im KZ Michailowka an Typhus. Geblieben sind uns ihre sehnsuchtsvollen, melancholischen und trotz allem jugendlich hoffnungsvollen Gedichte: „So rein, so schön, so hell und so bedroht“ (Hilde Domin)

Iris Berben las bereits zwölf Texte für eine Hörbuch-CD ein. Nun steht sie mit dem Vermächtnis des jungen Mädchens zusammen mit Martin Stadtfeld auf der Bühne, der die Sehnsucht mit seinem Spiel ‚umhüllt‘.
Iris Berben: „In dieser Zeit, in der sich Anzeichen von Rechtsradikalismus mehren, muß dieses Thema im Bewußtsein der Öffentlichkeit erhalten bleiben. Denn jeder Tag, der vergeht, vernichtet die Zeugnisse der Vergangenheit.“

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Das Werk Selma Meerbaums umfasst 58 Gedichte, die sie sorgfältig mit Füller auf Einzelseiten geschrieben und zu einem Album gebunden hatte, das sie mit „Blütenlese“ betitelte und dem sie als letzten Satz anfügte: ‚Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben …‘ Sie widmete es ihrem Freund Leiser Fichmann aus der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair. Auf dem Weg in die Deportation konnte sie das Album einem Bekannten zustecken, der es ihrer Freundin Else mit der Bitte gab, es an Leiser weiterzureichen. Leiser nahm das Album mit ins Arbeitslager, doch gab er es Else zurück, als er sich zur Flucht nach Palästina entschloss. Das Schiff wurde torpediert, nur fünf Passagiere überlebten – Leiser nicht. Doch Selmas Gedichte wurden von ihrer Freundin durch Europa bis nach Israel getragen. Selmas Lehrer von der Jiddischen Schule, Hersch Segal, veröffentlichte sie 1976 als Privatdruck.

Die eigentliche Entdeckung Selma Merbaums erfolgte durch die Stern-Reportage des Journalisten und Exil-Forschers Jürgen Serke, welcher von Hilde Domin auf die Gedichte aufmerksam gemacht worden war. Serke veröffentlichte die Gedichte der Lyrikerin unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ bei Hoffmann und Campe. Im November 2005 erschien eine Neuauflage, auch ein Hörbuch mit Iris Berben wurde produziert. Initiiert wurden diese von David Klein, der zwölf von Selmas Gedichten mit Interpreten wie Xavier Naidoo, Reinhard Mey, Ute Lemper und vielen anderen vertonte.

Selma Meerbaum-Eisinger gehört zusammen mit Rose Ausländer und Paul Celan zum literarischen Dreigestirn von Czernowitz. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verfolgung schrieb die junge Lyrikerin Gedichte, die in ihrer zeitlosen Ästhetik weit mehr als nur ein Zeugnis der drohenden Vernichtung des osteuropäischen Judentums und seines blühenden kulturellen Lebens sind. Die Poesie Selma Meerbaum-Eisingers drückt Sehnsucht, Hoffnung und Lebenswillen aus, was ihrem Werk eine immerwährende Gültigkeit und zeitübergreifende Aktualität verleiht. In reiner, klarer, eindringlicher Sprache erzählen die Gedichte von den Gefühlen und Träumen eines jungen Mädchens an der Schwelle des Erwachsenwerdens und über das zarte Glück der ersten Liebe. Die Ehrfurcht vor der Schönheit und lebendigen Kraft der Natur sind genauso Thema wie die Allgegenwärtigkeit von Tod und Trauer.

Trotz ihres sehnsuchtsvollen Grundtenors sind die Gedichte mehr als die schwärmerische Liebeslyrik eines jungen, lebensfrohen Mädchens, mehr als Nachahmungen der Naturdichtung ihrer romantischen Vorbilder Rilke, Heine und Tagore und mehr als eine Dokumentation der Vernichtung jüdischen Lebens in der Bukowina. Das Werk Meerbaum-Eisingers verdankt seine Faszination der Spannung zwischen mädchenhaft-jugendlicher und gesellschaftlich-historischer Thematik, seiner Bandbreite von Motiven und Bildern sowie der Eigenständigkeit in seiner formalen Umsetzung und Ästhetik. So spricht Rose Ausländer selbst über die Lyrik ihrer Dichterkollegin von „Weltliteratur, die die Welt nicht kennt“.

Selma liebte Blumen und die Natur. Sie liebte Rilke, Heine und Tagore. Sie liebte den Sommer, und im Sommer schrieb sie über den Herbst. Oft stand sie lange an einen Baumstamm gelehnt, den Blick in die Ferne gerichtet, abwesend hier und anwesend dort, wo Träume geboren wurden. Selma wußte, daß die Stadt, in der ihre Träume hätten Wirklichkeit werden können, “nun ganz fern ist, wie ein Bild aus einem alten Märchen.” In ihrem Gedicht “Rote Nelken” sagt sie es beinahe entschuldigend, so, als ob sie sich damit abgefunden hätte, daß es ihr nicht mehr zustünde, diese Sehnsucht, dieser Wunsch nach Lachen und Glücklich sein:
“So hör, ich hab’ für dich gelacht.”
Und doch beendet sie einen Brief an ihre Freundin Renée Abramovici, den letzten, den sie in ihrem Leben schreiben wird, mit den Worten: “Küße. Chasak–Selma.” Chasak ist Hebräisch und heißt: “Sei stark.”
Renée Abramovici gelang die Flucht. Zu Fuß, mit dem Pferdewagen, auf Dächern von Personenzügen schlug sie sich quer durch Europa; durch Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, durch Oesterreich und Deutschland, nach Paris. 1948 erreichte sie auf dem Schiffsweg Israel, in ihrem Rucksack trug sie Selmas handgeschriebenen Gedichtband “Blütenlese”.

“Mit Selmas Gedichten habe ich die Heimat herumgetragen und hierher gebracht”.

“Und hast du auch noch tausend Sterne in der Hand – sie kann noch zehnmal tausend tragen”, heißt es in einem von Selmas Gedichten. Sie sprechen von ihrer Liebe und von der Ahnung, daß sie sich nicht erfüllen wird. Die deutsche Lyrikerin Hilde Domin über Selma: “Ihre Begabung steht sicher auf einer Stufe mit dem jungen Hofmannsthal. Trotz des Sonderschicksals ist dies ein Werk, das deutlich ins Gut der deutschen Poesie gehört, nicht der spezifisch jüdischen. Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht”.
Im Gedenken an die junge Autorin schrieben der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen, die Armin T. Wegner Gesellschaft und die Kölner Autorengruppe Faust Ende 2010 den Selma Meerbaum-Eisinger Literaturpreis aus, der 2011 zum ersten Mal vergeben wurde. Der Anne-Frank-Fonds unterstützt die Preisvergabe.

Iris Berben fuhr 2011 nach Czernowitz (Ukraine) und trug die Gedichte dort vor, wo sie entstanden sind.

IRIS BERBEN – REZITATION
MARTIN STADTFELD – KLAVIER

25.11.16 Unterschleißheim / Iris Berben Foto Gerald Förtsch

25.11.16 Unterschleißheim / Iris Berben Foto Gerald Förtsch

25.11.16 Unterschleißheim / Iris Berben und Martin Stadtfeld – Foto Gerald Förtsch

 

 

 

 

 

 

 

Idee / Konzept: Carpe Artem

Das Plakat zum Download:

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„ICH BIN IN SEHNSUCHT EINGEHÜLLT“